Eine stille Revolution: Was wirklich hinter Design-Build steckt
Design‑Build gewinnt in der Schweiz an Bedeutung, und zwar nicht als kurzfristiger Trend. Vielmehr zeigt sich eine langsame, aber spürbare Veränderung darin, wie ArchitektInnen, IngenieurInnen und UnternehmerInnen zusammenarbeiten. Obwohl das Konzept im Ausland seit Jahrzehnten existiert, deutet seine zunehmende Verbreitung hierzulande auf etwas Tiefgreifenderes hin: Die Branche sucht neue Wege, um mit wachsender Komplexität, knappen Zeitplänen und steigenden Erwartungen an Effizienz umzugehen. Wie bei jeder strukturellen Veränderung gibt es Begeisterung und Zurückhaltung, Vorteile und Grenzen, Chancen und Unsicherheiten.
Ein herausragendes Praxisbeispiel für ein Projekt welches im Design-Build-Verfahren (Integrierte Projektabwicklung) erstellt wurde, ist die Dreifachturnhalle in Sirnach (Kanton Thurgau, Schweiz). Sie gilt im Schweizer öffentlichen Bauwesen als wegweisendes Referenzprojekt für diese Methode. Nachdem ein erstes, klassisch geplantes Sporthallenprojekt 2021 politisch an der Urne aufgrund hoher Kosten scheiterte, schlug die Gemeinde im zweiten Anlauf den Design-Build-Ansatz ein. Das Projekt fokussierte sich stark auf Kosten und Funktionalität und wurde im August 2026 erfolgreich eingeweiht. Am 9.9.2026 wurden die direkten Erfahrungen in diesem u.A. von Gabriel Walzthöny (Leiter der Planungs- und Baukommission Dreifachturnhalle) und vom Gesamtdienstleister Krattiger Holzbau AG am Design Build Anlass in Sirnach vorgestellt.
Fazit:Budget und Termine mehr als eingehalten, grosse Zufriedenheit in der Gemeinde
Pikant: Die Schweizer BWA (Beobachter für Wettbewerbe und Ausschreibungen) hatte im Vorfeld der Ausschreibung eine Note 2 und einen roten Smiley abgegeben, damit also eine schlechte Empfehlung abgegeben.
Dreifachturnhalle in Sirnach - Kanton Thurgau
Im traditionellen Modell, dem Design‑Bid‑Build (Phasenmodell gemäss SIA), folgen die Schritte nacheinander: zuerst die Planung, dann die Ausschreibung, danach die Ausführung. Dieses Vorgehen schafft klare Verantwortlichkeiten, zeigt aber Schwächen, sobald Unvorhergesehenes auftaucht – und das passiert bei fast jedem Projekt. Design‑Build funktioniert anders. Planung und Ausführung werden von Anfang an zusammengeführt, alle Beteiligten arbeiten mit denselben Informationen. Die Idee dahinter ist attraktiv: schnellere Entscheidungen, weniger Konflikte, mehr Übersicht. In vielen Schweizer Projekten, besonders in technisch anspruchsvollen Bereichen, hat sich diese integrierte Arbeitsweise bereits bewährt.
Studien der DBIA zeigen, dass Design‑Build Projekte im Durchschnitt 1–6 % kostengünstiger sind und deutlich schneller abgeschlossen werden – je nach Vergleichsmodell zwischen 13 % und über 100 % schneller vom Entwurf bis zur Fertigstellung. Zudem treten weniger Kosten‑ und Terminabweichungen auf, was darauf hinweist, dass Risiken früher erkannt und besser gesteuert werden.
Trotzdem wird Design‑Build nicht überall vorbehaltlos angenommen. Einige Architekturbüros befürchten, kreative Freiheit oder Einfluss zu verlieren. UnternehmerInnen sehen das Risiko, mehr Verantwortung zu tragen, ohne die gewohnte Trennung der Phasen. Auftraggeber wiederum fragen sich, ob die Integration die Transparenz bei Angeboten verringert. Auch rechtliche Fragen spielen eine Rolle: Integrierte Verträge verlangen andere Formen der Haftung, und nicht alle Firmen sind darauf vorbereitet. Bei Umbauten und Renovationen, wo der Bestand Überraschungen bereithalten kann, steigt das wahrgenommene Risiko zusätzlich.
Die vielleicht wichtigste Quelle der Zurückhaltung liegt jedoch im Zeithorizont. Die grössten Vorteile von Design‑Build zeigen sich oft erst Jahre später. Ein Neubau oder eine frisch abgeschlossene Renovation funktioniert in der Regel problemlos. Erst mit der Zeit – wenn Bauteile altern, Systeme ersetzt werden müssen oder ein Gebäude für neue Nutzungen angepasst wird – zeigt sich, wie gut die Entscheidungen zu Beginn waren. Genau dann aber profitieren Gebäude, die mit einem integrierten Ansatz geplant wurden: Die Dokumentation ist konsistenter, Entscheidungswege sind nachvollziehbar, und spätere Eingriffe lassen sich besser ausführen, da diese Szenarien allenfalls bereits berücksichtigt wurden.
Im Schweizer Kontext bekommt dieser Punkt jedoch eine besondere Bedeutung. Die Schweiz baut traditionell mit Blick auf die Zukunft. Viele Gebäude stehen seit Jahrhunderten, werden sorgfältig gepflegt und weiterentwickelt. Dokumentation, Präzision und langfristige Verantwortung gehören zur Baukultur des Landes. Die Idee, heute in Qualität zu investieren, um morgen Stabilität zu sichern, ist hier nichts Neues – sie ist Teil der gesellschaftlichen Haltung. In diesem Sinne passt Design‑Build nicht nur technisch, sondern kulturell zu einer Denkweise, die auf Dauerhaftigkeit und Verlässlichkeit setzt.
Trotz der scheinbar attraktiven Vorteile, müssen Eigentümer, die das Gebäude bald verkaufen wollen, InvestorInnen mit kurzem Anlagehorizont oder Auftraggeber, die auch vor allem auf das aktuelle Budget achten müssen wie Gemeinden, heute eine Entscheidung treffen, ob sie sich vom altbewährten SIA Modell, welches alle Steakholder in- und auswendig kennen, abwenden wollen und einen neuen Weg beschreiten wollen.
Auch die Digitalisierung unterstützt diesen Wandel. BIM‑Modelle, 3D‑Erfassung und digitale Plattformen ermöglichen es, dass alle Beteiligten mit derselben Datengrundlage arbeiten. Das reduziert Unsicherheiten und verbessert das Risikomanagement – kurzfristig, mittelfristig und langfristig. Doch Technik allein reicht nicht. Der Wechsel verlangt neue Abläufe, Vertrauen und ein anderes Verständnis der Rollen. Genau dort entstehen Spannungen: Wer integriert arbeitet, muss Verantwortung teilen, Macht abgeben und Gewohnheiten hinterfragen.
Ist Design‑Build also ein unumkehrbarer Weg? Vielleicht. Oder vielleicht stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die sich weiter formen wird. Design‑Build ist keine Lösung für jedes Projekt, aber eine Antwort auf viele aktuelle Herausforderungen. Es funktioniert in manchen Situationen hervorragend und in anderen weniger gut. Es reduziert Risiken für die Einen, und schafft neue für die Anderen. Es verlangt Vertrauen, Genauigkeit und Zusammenarbeit – drei Faktoren, die nicht überall selbstverständlich sind.
Klar ist: Die Branche befindet sich im Wandel. Und wie jeder Wandel ist er nicht einheitlich.
In der nächsten Ausgabe widmen wir uns einem Thema, das für alle relevant ist, die planen oder umbauen: Wie Design‑Build bei Neubauten und bei bestehenden Gebäuden funktioniert. Zwei unterschiedliche Welten, die dieselbe Frage stellen: Hilft die Integration – oder macht sie alles komplizierter?
Dreifachturnhalle in Sirnach - Kanton Thurgau