Welches Weiss war es eigentlich?

Über einen Stein, der das Licht verwandelt, und einen Zwilling, den es vielleicht nie gab.

Der Taj Mahal ist das einzige Gebäude seiner Anlage, das vollständig mit weissem Marmor verkleidet ist. Alles um ihn herum besteht aus rotem Sandstein. Das ist ungewöhnlich: Weisser Marmor blieb bei den Moguln sonst meist besonderen Innenräumen und den Gräbern von Heiligen vorbehalten. Die Anlage war als irdisches Abbild des Hauses gedacht, das Mumtaz Mahal im Paradies bewohnt.

Gewählt wurde ein Stein aus Makrana, so lichtdurchlässig, dass Dichter der Zeit ihn mit dem Licht der Morgendämmerung oder mit einer Wolke verglichen. Seine Farbe wechselt mit der Stunde, von gelblich am Morgen bis bläulich-grau unter dem Vollmond.

Auf der anderen Seite der Yamuna liegt der Mehtab Bagh, der «Mondlichtgarten». Ein grosses achteckiges Becken spiegelte das Mausoleum, und manche Pflanzen sollen wegen ihrer im Mondlicht leuchtenden Blüten gewählt worden sein. Und genau dort beginnt die Legende vom schwarzen Taj Mahal.

Der Legende nach plante Shah Jahan, der Erbauer, für sich selbst ein zweites Mausoleum, ganz aus schwarzem Marmor. Es sollte am anderen Flussufer stehen, genau gegenüber, durch eine Brücke mit dem weissen Grabmal verbunden: Weiss und Schwarz, Seite an Seite. Gebaut wurde es nie, weil ihn sein Sohn Aurangzeb zuvor vom Thron stürzte. Erzählt hat die Geschichte zuerst der französische Reisende Jean-Baptiste Tavernier, 1665. Historiker halten sie heute für einen Mythos. Manche vermuten, sie sei aus einem Bild entstanden: dem dunklen Spiegelbild des weissen Mausoleums im Wasser des Beckens.

Und das echte Weiss? Der Marmor vergilbt, seit den 1980er-Jahren, und wird mit Heilerde behandelt. Wer ihm sein ursprüngliches Weiss zurückgeben will, stösst auf ein Problem: Die meisten alten Fotos sind schwarz-weiss. Wie das Weiss des 17. Jahrhunderts genau aussah, weiss niemand sicher.

Was die Baumeister über Licht wussten, glaubten oder hofften, als sie diesen Stein wählten, steht in keinem Plan. Der Stein antwortet jeden Morgen anders.