VR3D NEWS Immo & Architektur
November 2026 · Ausgabe II
Warum musste man dieses Gebäude anzünden, um es fertigzubauen?
Die Bruder-Klaus-Feldkapelle
Über 112 Baumstämme, drei Wochen Feuer und einen Raum, der erst durch das Verschwinden entstand.
Mitten in einer Wiesenlandschaft bei Wachendorf in Deutschland steht ein zwölf Meter hoher, fensterloser Betonturm. Von aussen wirkt er schlicht, fast verschlossen. Doch in seinem Innern verbirgt sich eine der ungewöhnlichsten Baugeschichten der modernen Architektur.
Die Bruder-Klaus-Feldkapelle, 2007 nach einem Entwurf des Schweizer Architekten Peter Zumthor fertiggestellt, wurde nicht von einer grossen Baufirma errichtet. Ein Landwirtehepaar liess sie auf seinem Feld bauen und arbeitete gemeinsam mit Freunden, Bekannten und Handwerkern selbst daran mit.
Für den Bau stellten die Helfer 112 Baumstämme zeltartig auf. Rundherum wurde über 24 Arbeitstage Beton in einzelnen Schichten eingebracht und verdichtet. So entstand eine massive Hülle, in deren Innerem noch immer das hölzerne Gerüst stand.
Und dann kam der ungewöhnlichste Schritt: Man entzündete ein Feuer im Innern.
Drei Wochen lang schwelte es kontrolliert zwischen den Baumstämmen. Das Holz verkohlte, schrumpfte und konnte anschliessend entfernt werden. Zurück blieb ein hoher, dunkler Raum, dessen Wände bis heute die Abdrücke der verbrannten Stämme tragen.
Wer die Kapelle betritt, findet weder Fenster noch aufwendige Verzierungen. Nur eine Öffnung weit oben lässt Tageslicht und auch Regen herein. Kleine, mundgeblasene Glaseinsätze setzen zusätzliche Lichtpunkte in die geschwärzten Wände.
Das Licht verändert sich mit dem Wetter und der Tageszeit. Die raue Oberfläche, die Stille und die Spuren des Feuers machen den Raum zu einem Erlebnis, das sich kaum mit seiner unscheinbaren Aussenansicht vergleichen lässt.
Das Besondere an dieser Kapelle ist vielleicht nicht, was gebaut wurde. Sondern das, was verschwinden musste, damit der Raum entstehen konnte.